Segensreiche Tage im Spätsommer

Es ist unser zweiter August in Nordschweden und er begrüßt uns zunächst mit Regen, nachdem der gesamte Sommer recht windig und trocken war.

Aber auch einige Sonnentage wurden nachgeholt, sodass ein wenig die Hoffnung bleibt, dass die Tomaten eventuell doch noch rot werden. Allerdings hatten wir den ersten Frost tatsächlich auch bereits Mitte August… somit bleibt nicht mehr viel Zeit zur Ernte. Immerhin sprießt jetzt der Ackersalat ganz großartig und auch die übrigen Salatpflänzchen halten dem Raureif noch Stand.

Die Birkenblätter fangen inzwischen an, sich gelblich zu verfärben und der Herbst kündigt sich – ebenfalls durch starke Windböen – an. Mücken hatten wir glücklicher Weise kaum noch! Jedenfalls, wenn man es mit dem Anfang des Sommers vergleicht. Dafür gibt es auch sehr wenige Blaubeeren – doch das wiederum wird durch die Unmengen an roten und schwarzen Johannisbeeren ausgeglichen, die wir auf unserem Grundstück in Glommersträsk entdeckt haben. Sogar ganz leckere Stachelbeeren wachsen dort und so verbringe ich einige schöne Stunden zusammen mit unseren Gästen bei der Beerenernte auf dem Grundstück unseres Gästehauses.

Treue Begleiter sind dabei die Kinder der zehnköpfigen Familie, die den Sommer in unserem Haus dort verbracht hat. Die Kinder sind es, die mir die Zeit um unser Gästehaus immer so heimelig machen. Durch ihr Lachen, ihr fröhliches Rennen, ihr Singen oder ihr Erzählen. Manchmal helfen sie beim Pflücken und manchmal beim Aufessen der frisch geernteten Beeren und jedes Mal fühle ich mich in meine Kindheit zurück versetzt, in welcher auch ich mehr Beeren genascht habe als ich pflücken konnte. Und natürlich freue ich mich über die Zeit mit Katharina, der Mutter und mir eine gute Freundin, mit der ich anschließend eine Tasse Kaffee trinke. Den Kindern geht es super! Sie spielen Fangen, klettern auf Bäume, spielen Verstecken und haben jede Menge Spaß mit den Nachbarskindern. Dem entsprechend sind auch die Eltern glücklich und entspannt. Alle sind sehr traurig, weil die Familie heute leider abreisen musste. Gleichzeitig freuen wir uns, dass sie im Dezember wiederkommen möchte! Wenn ihr etwas mehr über die Familie erfahren möchtet, wie sie lebt und warum die Eltern vom Konzept des Homeschooling überzeugt sind, könnt ihr das auf ihrer Homepage erfahren: www.heimschulfamilie.de.

Im August hatten wir viele verschiedene Gäste bei uns auf dem Hof. Unsere Hütte war sozusagen bis auf eine Nacht „ausgebucht“, sodass wir bisher, sehr zu meinem Bedauern, noch nicht einmal selbst darin übernachten konnten. Ein paar unserer Gäste haben den Wohnwagen und unsere Gästezimmer bezogen und widerum andere sind mit ihrem eigenen Wohnwagen angekommen. Bisher haben wir ausschließlich Freunde beherbergt, was sozusagen ein Geben und Nehmen war: Jeder, der hier war, hat in gewisser Weise mitgeholfen; beim Bau an der Hütte, beim Boden Legen, beim Streichen, beim Sägewerk-Aufbau, im Hühnerstall, beim Mähen, beim Kochen, beim Abspülen undsoweiter. Gemeinsam ging vieles einfacher als allein. Zwischendurch blieb immer genügend Zeit, um schöne Boots-, Bade- oder Angelausflüge zu machen.

Ich kann nicht mit Bestimmtheit sagen, was zuerst da war; aber es muss wohl so gewesen sein: dass wir gesegnet wurden und dass wir anderen ein Segen sind. Tatsache ist: alle unsere Gäste sind ein Segen für uns und die Zeit bei uns ist – ihrer Dankbarkeit nach zu urteilen – ein Segen für sie. Besonders schön ist es, wenn Träume oder Wünsche sich erfüllen: das erste Mal Quad fahren, das erste Mal einen Fisch angeln, ein Rentier oder einen Elch sehen, auf einer Insel zelten. Einige unserer Gäste hatten das Glück, ihr allererstes Nordlicht sehen zu können! Das freut uns natürlich ganz besonders.

Tobi und ich wachsen mit unseren Aufgaben. Es ist eine Herausforderung, über mehrere Wochen so viele Gäste zu haben. Anfangs leide ich an Schlafmangel, da wir gemeinsam lange am Lagerfeuer sitzen und uns so gut unterhalten. Allerdings bin ich auch täglich die Erste, die wach ist. Ich liebe einfach die Morgenstunden, in denen alles noch so ruhig ist! Das ist die Zeit, in der ich mit Gott und meinen Gedanken alleine sein kann. Dann sitze ich auf meinem Lesestuhl, schlürfe Kaffee, lese etwas, bete und schaue einfach aus dem Fenster. Wenn ich früh genug aufstehe, ist im Anschluss noch Zeit, in der ich viel Wichtiges erledigen kann, wie etwa: die Hühner versorgen, eine Wäsche einschalten, kurz mal durchwischen oder Brot backen. Was ich leider schon lange außen vor gelassen habe, sind meine Morgengymnastik und meine frühen Radausflüge an den See. Was kann ich sagen? Längere Zeit habe ich mich zu müde dafür gefühlt. Inzwischen gehe ich allerdings, bis auf wenige Ausnahmen, weitaus früher ins Bett und fühle mich so langsam wieder fitter. Ich wünschte wirklich, ich hätte mehr Energie.

Eine Energiequelle der besonderen Art zeigt mir unsere frühere Arbeitskollegin und gute Freundin Orith: sie kennt sich super aus mit ätherischen Ölen und schenkt mir drei Behandlungen. Es ist eigentlich keine große Sache; Orith wählt einige Öle aus, ich mache es mir auf dem Sofa gemütlich. Sie trägt ein Öl auf meinen Rücken auf, lässt mich daran riechen und streicht es abschließend auf meine Fußsohlen. So geht sie mit jedem Öl vor. Wenn sie fertig ist, bleibe ich noch kurz liegen und genieße die Entspannung. Bereits nach der ersten Behandlung fühle ich mich wie neu! Der Hammer! Ich wünschte, Orith wäre meine Nachbarin; allerdings nicht nur wegen der Behandlung, die es dann sicher öfter gäbe, sondern einfach, weil ich sie so sehr mag.

Durch Orith und ihre Freundin Katha lernen wir Grünkohl von einer anderen Seite kennen. Nachdem Orith, Tobi und ich erstmal den Laminat in unserer Küche und dem Flur gelegt hatten, gab es noch eine Verköstigung durch die Beiden: angedünsteter Grünkohl mit gerösteten Pinien – und Sonnenblumenkernen mit Parmesan an Rigatoni. Total lecker! Vorher war ich der absoluten Überzeugung, dass unser Grünkohl, den Simona mir geschenkt hatte, als Hühnerfutter enden würde…ich hatte ihn einfach zuvor wie Spinat zubereitet und Tobi und ich fanden den Geschmack voll schlimm. Inzwischen hat der gesunde Grünkohl uns so gut geschmeckt, dass er nun doch eine Zukunft in meinem Beet haben wird.

Wenn ihr die Gastbeiträge gelesen habt, wisst ihr, dass unser allererster Besuch eine Familie war. Sie sind Freunde von uns, die wir erst kurz vor unserer Abreise kennen gelernt haben. Wir verstehen uns auf Anhieb super und freuen uns sehr, als Volker mit seinen drei Kindern und deren Freundin zu uns kommt. Seine Frau Barbara muss leider zu Hause bleiben bei den Pflegekindern, dem Garten und den Hühnern.
Barbara und ich halten regelmäßigen Austausch über das Gärtnern, von ihr erhalte ich wertvolle Tipps und sogar einige Samen für winterfestes Gemüse, die ich in meinem Gewächshaus ausprobiere. Zum Gärtnern möchte ich noch sagen, dass ich das Gefühl habe, dass alle Gärtner, die ich kenne, sich gegenseitig durch einen offenen Austausch und durch das Tauschen von Gemüse total gut unterstützen. Es gibt beim Gärtnern keinen Wettbewerb sondern eher ein gemeinsames Lernen und Weiterkommen.

Aber das nur am Rande, da ich ja eigentlich von Barbaras und Volkers Kindern erzählen wollte:
Es gibt sie noch: Menschen ohne Smartphone, die ihr Handy ein – bis zweimal pro Woche in der Hand halten, um zu telefonieren. Im Übrigen entdecken wir das bei fast allen unseren Gästen: das Handy oder Smartphone wird eher selten benutzt. Schließlich knippst die Kamera viel bessere Fotos. In jedem Fall sind die vier Jugendlichen in unserem Haus viel lieber mit Musik machen, angeln, puzzeln, stricken oder häkeln beschäftigt, wenn sie mal eine ruhigere Aufgabe brauchen. Ein paar Tage nach ihrer Ankunft sitze ich morgens nicht mehr allein beim Lesen in unserem Wohnzimmer. Ruhig ist es aber trotzdem – ich lese, Sarah puzzelt, Maja und ihre Freundin häkeln. Jonathan schläft noch. Er ist eher so der Angler und Bastler. Mit Jonathan angeln zu gehen ist tiptop! Wir sprechen das Wichtigste ab und dann genießen wir die Ruhe – jeder für sich. Der Hammer! Erfinderisch ist er auch und so bauen wir unter seiner Anleitung ein Nest für die Hühner, in dem die Eier nach unten in eine Schublade kullern, damit sie sie nicht auffressen können. Es wird eine ganz tolle Konstruktion, finde ich – nur meine Hühner sind leider nicht überzeugt. Aber das kommt vielleicht noch.

Jonathan ist es auch, der ein uraltes Ruderboot entdeckt, einen kleinen Zweig in das einzige Miniloch im Bug steckt und anschließend zusammen mit seiner Schwester die Seeufer entlang fährt. Die zwei haben so viel Spaß, dass wir nicht rechtzeitig zur Begrüßung meines ehemaligen Chefs Bodo und dessen Sohn Josiah zurück fahren, sondern ich rufe an und Josiah kommt zu uns. Die drei haben eine Mords Freude, als sie mit einer Angel und zwei alten Holzrudern den See überqueren. Ich setze mich ans Ufer und sehe ihnen und ein paar Schwänen zu und knipse Bilder von der Abendstimmung. Einfach genial! Bodo und Josiah verbringen ein paar schöne Tage zusammen im Wohnwagen, Josiah und Jonathan übernachten in unserem Zelt auf einer Miniinsel und grillen einen selbst geangelten Hecht. Unsere Hütte bekommt zwischendurch ein schöneres Äußeres – die Fensterblenden kommen dran. Die Männer fertiegen sie aus den Balkenresten, die durch den Fenstereinbau zustande kamen. Sie verwenden Sägemühle, Kreissäge, Bandschleifer und Multitool. Genauer gesagt: Bodo verwendet das Multitool und leistet sozusagen Präzisionsarbeit. Die Mühe ist am Ende deutlich erkennbar!

Bald kommen noch zwei ehemalige Kolleginnen dazu. Mit Bärbel bin ich öfter mal in den Ferien mit dem Rad rum getourt und Anais und ich haben gemeinsam zwei dritte Klassen gebändigt und die Philippinen bereist. Es ist schön, die zwei wieder zu sehen, bei ein paar Tassen Tee zu plaudern und über den See zu paddeln und dabei ein Leichtbier zu teilen oder beim Blaubeerpflücken zu quatschen. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit zusammen, aber die Fahrt zurück nach Süddeutschland ist weit und so müssen sie bald schon wieder los.

Bei all dem Trubel und der Herausforderung als Gastgeber geießen wir das Zusammensein sehr. Es stimmt schon, dass zu viel Einsamkeit komisch machen kann. Anfangs lehne ich mich innerlich noch ein wenig dagegen auf, mich nach dieser langen Zeit nur für mich und Tobi auf Gäste einzulassen, die rund um die Uhr da sind. Ich möchte nur widerstrebend bei den Veränderungen in meinem Alltag mitgehen und verspüre einen deutlichen Hunger nach dem Alleinsein. Mit der Zeit aber kehrt meine Geselligkeit zurück und ich schaffe es, mich anzupassen und bald schon freue ich mich über alle gemeinsame Zeit, das Teilen und Mitteilen und ich finde eine gute Balance zwischen Entgegenkommen und Zurückziehen, zwischen Zusammenarbeit und Selbermachen.

Ein Kommentar

  1. Wolfgang Goller

    Es ist schön dass wir anderen zum Segen werden können allein durch unser Dasein. Eine schöne Gemeinschaft haben und unter unseres Vaters Gnade zu stehen und gehen zu dürfen, können wir als ein schönes Geschenk dankbar annehmen.

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